Race Across Germany - ,,Das härteste Sportereignis meines Lebens"

Aachener Nachrichten, 24. SEPTEMBER 2021 UM 09:00 UHR

Der Lohn der Mühen: Norbert Vohn, Roland Fuchs und Paul Thelen (v.l.) mit ihren Finisher Trikots und -Medaillen. Foto: Zeno Amann

Der Lohn der Mühen: Norbert Vohn, Roland Fuchs und Paul Thelen (v. 1.) mit ihren FinisherTrikots und -Medaillen.
Foto: Zeno Amann

AACHEN. Mitte September sind 39 Radler von Aachen Richtung polnische Grenze losgefahren. 31 Solisten und zwei Zweierteams erreichen das Ziel in Görlitz. Drei Teilnehmer aus der Region berichten von der stundenlangen Tortur.

Einmal quer durch Deutschland, im Rennradsattel und nonstop: Prof. Roland Fuchs, Paul Thelen und Norbert Vohn haben es geschafft. Beim Ultra-Marathon Race Across Germany kommen die drei Extremsportler aus der Region am Ziel im sächsischen Görlitz an - ziemlich groggy, aber glücklich. Hinter ihnen liegen gut 800 Kilometer Straße, 7500 Höhenmeter, moralische und meteorologische Tiefs, Schmerzen, übles Kopfsteinpflaster, ein Sturz, Halluzinationen und eine verlorene Ente.

Das Race Across Germany (RAG) ist eigentlich zwei Rennen. Die Nord-Süd-Variante von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen ging schon im Juli über die Bühne, Mitte September folgte die West-Ost-Strecke von Aachen an die polnische Grenze. 39 Starterinnen und Starter gehen in Aachen an den Start, manche also Solofahrer, andere mit Begleitfahrzeug. 31 Solisten und zwei Zweierteams erreichen das Ziel in Görlitz. Paul Thelen hat in seiner Extremsportlerkarriere schon so manches gemacht, am Mount Everest kam er bis auf 8000 Meter, auf dem Rennrad fuhr er beim Race Across America 2018 von Küste zu Küste, zusammen mit Roland Fuchs fuhr er einen Mountainbike-Marathon durch die Namib-Wüste in Namibia. Doch den Ritt durch Deutschland nennt der 78-Jährige Würselener „das härteste Sportereignis meines Lebens".

Über Bonn führt die Route in den Westerwald, wo es gewittert und aus Kübeln schüttet - erste Zwangspause. Dann geht es Richtung Thüringen und in die Nacht hinein . Nach Kilometer 340 plagen Thelen arge Sitzbeschwerden, nach Kilometer 600 folgen ein moralisches Tief und Magenprobleme, zudem zwicken das Knie und die Handgelenke. Cola ist die beste Medizin. In Sachsen, es wird schon zum zweiten Mal dunkel beim RAG, läuft's wieder rund: ,,Ich war zurück im Rennmodus." Doch dann kommt hinter Dresden die Sache mit dem Geisterfahrer: Thelen sieht plötzlich einen anderen Radler rechts neben sich, der ihn immer wieder in den Gegenverkehr zu drücken versucht. Seine Begleitcrew bemerkt den gefährlichen Schlingerkurs und holt den Erschöpften vom Rad. Thelen wird klar: Ich halluziniere - und muss aufpassen. Die letzten 40 Kilometer bis Görlitz gehen dann, wieder mit voller Konzentration und trotz aller Schmerzen, auch vorüber, um 1.15 Uhr nachts bleibt die Uhr am Ziel bei 40 Stunden und 53 Minuten stehen - Platz drei in der Altersklasse 60plus.

Roland Fuchs (78) spricht vom RAG als einer „Grenzüberschreitung''. Die giftigen, bis zu 18 Prozent steilen Anstiege im Westerwald gehen tüchtig in die Beine, das Gewitter führen zu einer dreistündigen Zwangspause. Nach der ersten Nacht gönnt er sich eine Schlafpause - und ein kleines Kölsch. Weiter geht's. Auch beim Mediziner Fuchs rebelliert bei Eisenach der Magen, zum Glück gibt es eine Apotheke am Wegesrand.

Die zweite Nachtfahrt ist kalt, trocken und kräftezehrend. Am Ende kommt Roland Fuchs fast entspannt an, die Zeitgutschriften der Regenpausen eingerechnet hat er 47,5 Stunden für die Strecke gebraucht. ,,RAG Aachen - Görlitz ist nicht zu toppen", sagt der Stolberger hinterher. Für den ehemaligen DDR-Bürger hatte die Tort(o)ur noch eine ganz besondere Seite: ,,Als freier Mann in einem freien Land aus eigener Kraft diese maximale Herausforderung geschafft zu haben."

Norbert Vohn kennt die Strecke. Im vergangenen Jahr, als das Rennen wegen Corona ins Wasser fiel, fuhr der Ingenieur aus Herzogenrath auf eigenen Faust von West nach Ost. Auch diesmal ist der 54-Jährige ohne Begleitteam unterwegs - abgesehen von

„Ente", einem namenlosen Maskottchen aus Stoff. Das hält Vohn seit vielen Jahren die Treue - bis zu diesem Moment, als er bei Kilometer 146 buchstäblich die Kurve nicht bekommt und einen Abflug In die Wiese macht. Alles gut gegangen, aber „Ente" ist futsch, was er allerdings erst später bemerkt. Vohn beschließt, die Nacht durchzufahren. In Eisenach füllt er seinen Getränkevorrat auf und erntet ungläubige Blicke und Fragen: Woher? Wohin? Wozu? Und: Bist Du bekloppt? Die Antworten: Aachen. Görlitz. Weil ich es kann.Ja. Für Vohn rollt es gut durchs dunkle Sachsen­ Anhalt, Sachsen begrüßt ihn mit einem kräftigen Regenguss. Die Abfahrt hinunter zur Elbe auf nassen, bis zu zehn Prozent steilen Kopfsteinpflaster-Serpentinen ist kein Vergnügen. Die letzten Kilometer nur noch Gegenwind, ihm reicht's. Um 14.52 Uhr kommt er ins Ziel - nach nur 30 Stunden und 52 Minuten. Vohn hat überschlagen, wie viel Kraft der Trip gekostet hat und kommt auf rund 20.000 Kilokalorien - oder 21 Tüten Chips.

Auch finanziell kam einiges zusammen: Robert Vohn sammelte rund 3800 Euro Spenden für das Hilfsprojekt miles4malabon, das Straßenkinder in der philippinischen Hauptstadt Manila unterstützt. Roland Fuchs und Paul Thelen sammelten für den Wiederaufbau der vom Hochwasser zerstörten Kita „Mäuseburg''in Stolberg-Vicht. Der genaue Betrag wird Anfang Oktober bekanntgegeben.

 

VON GEORG MÜLLER-SIECZKAREK
Redakteur

 

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Ergänzung zum Zeitungsbericht

Spendenübergabe am 2.Oktober 2021

Spendenübergabe am 2.Oktober 2021: v.l.n.r. Paul Thelen, Thomas Milcher, Vorsitzender des Fördervereins der Kita „Mäuseburg“, Stolberg-Vicht, drei VertreterInnen der Kita, Roland Fuchs.